96 Jahre Gründung der Türkei – Verbrechen der Kemalisten müssen aufgearbeitet werden

Heute vor 96 Jahren wurde die Türkische Republik gegründet. Von Atatürk, dem »Vater der Türken«, und den Jungtürken, die ihn ideell dabei unterstützten. Die ideologischen Kemalisten und Nationalisten feiern diesen Tag bis heute.  Es gab viele positive Entwicklungen, aber nicht nur. Eine Aufarbeitung der blutigen Gräueltaten vor und nach der Gründung hat bis heute nicht stattgefunden.

Das Osmanische Reich war ein Vielvölkerstaat. Anfang des 19. Jahrhunderts erstreckte es sich fast über den gesamten Balkan, die heutige Ukraine und viele arabische Gebiete. Religion spielte eine wesentliche Rolle. Aber auch Familie, Stammeszugehörigkeit, regionale Herkunft und Beruf bestimmten die Lage der Menschen. Reformen waren erforderlich, aber der notwendige Wille fehlte.

Im 19. Jahrhundert setzte sich in Europa eine andere Idee durch: Bevölkerungsgruppen, die die gleiche Sprache sprachen oder aber derselben Religion angehörten, erklärten sich zu Nationen. Vor allem die im Exil lebenden oppositionellen Jungtürken freundeten sich mit der Idee der Nation an. Schon bald setzte sich der türkische Nationalismus unter den Jungtürken durch. Sie propagierten zunehmend die »rassische Überlegenheit« der Türken. An die Stelle der Einheit aller osmanischen Untertanen trat die Einheit der Türken.

Wenige Jahre später gewannen die Jungtürken weiter politisch an Macht. Nun machten die Jungtürken die Türkisierung der Wirtschaft zu einem ihrer wichtigsten Ziele. Nichtmuslime wurden verdrängt und enteignet. Boykottaktionen gegen nicht-türkische Geschäfte und Unternehmen wurden organisiert. Im Frühjahr 1914 waren die Jungtürken so menschenfeindlich, dass Griechen terrorisiert und aus ihren Dörfern vertrieben wurden. Vor allem Armenier wurden zu Leidtragenden. Nach der Niederlage in Sarıkamış gegen die Russen, bei der 78.000 Soldaten starben, machte die Regierung die Armenier für die Niederlage verantwortlich.

In Istanbul ließen die säkularen Jungtürken 235 bekannte armenische Persönlichkeiten festnehmen, darunter zahlreiche SchriftstellerInnen, JournalistInnen, ÄrztInnen, RechtsanwältInnen, LehrerInnen, MusikerInnen sowie mehrere Geistliche. Teile der armenischen Bevölkerung wurden aus dem Osmanischen Reich deportiert. Hunderttausende Armenier starben während der Todesmärsche oder gingen in den Todeslagern in der Wüste zugrunde.

Im September 1915 wurde ein Gesetz erlassen, demzufolge der Besitz der Deportierten dem inzwischen türkisierten Staat zufiel. Betriebe, Läden und Landbesitz von etwa einer Million Armeniern und Griechen wurden von Türken in Besitz genommen.

Die Unterdrückung und Verfolgung von Andersdenkenden hat in der nationalistischen Türkei Tradition. Auch nach 96 Jahren spürt man den Kemalismus. Erneut werden Menschen verfolgt und enteignet. Nach Kurden, Aleviten, Griechen und religiösen Minderheiten sind es nun die Engagierten der Hizmet-Bewegung (»Gülen-Bewegung«), die ihres Eigentums und ihrer Menschenrechte beraubt werden.

Die Verbrechen des Kemalismus und der Jungtürken müssen aufgearbeitet werden. Wenn dies nicht geschieht, ist eine Wiederholung der Geschichte unumgänglich. Das sieht man vor allem an der heutigen Türkei, in der das Erdogan-Regime oppositionelle Stimmen wegsperren lässt und mundtot macht. Auch erdrückende Indizien auf Foltertaten sind bereits vorhanden.

Damit sich für die Türkei der Weg zu einer demokratischen Zukunft öffnet, muss die Geschichte der Türkei und die anti-demokratische Ideologie, die ihrer Gründung zugrunde liegt, kritisch durchleuchtet werden. Die Verfassung sowie allen voran das Bildungssystem bedarf einer gründlichen Reform. Denn in der Türkei erhalten Kinder von klein auf eine staatstreue und staatsverherrlichende Bildung. Kemalistische Reflexe werden somit in die Zukunft getragen. Die Folgen davon sehen wir in der heutigen Türkei.

 

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