Fethullah Gülen und die europäischen Muslime

Die Beliebtheit der Ideen des türkischen Islamgelehrten Fethullah Gülen unter Einwanderern beschäftigt Medien und Politik. Eine Chance, zu erkennen, welchen Beitrag gerade seine Thesen zu einer gelungenen Integration leisten können. (Foto: zaman)

Die türkischstämmigen Muslime in Deutschland werden in einer funktionierenden Demokratie sozialisiert. Sie erleben hier tagtäglich, dass Demokratie und Islam vereinbar sind. Denn die Freiheiten, die die Muslime hierzulande genießen, sind für sie sehr wertvoll. Mit seinen Artikeln zur Vereinbarkeit von Islam und Demokratie und seinen Aussagen zur Trennung von Staat und Religion, die er bereits in den 90er-Jahren verfasst hatte, versuchte Gülen deutlich zu machen, dass der Islam kein bestimmtes Staatsverständnis vertritt. In der Demokratie sieht er ein System, das auch nach religiösen Quellen unbedenklich ist und von dem es kein Zurück gibt und geben darf. Gleichzeitig sehen immer mehr Muslime mit türkischer Einwanderungsgeschichte Deutschland als ihre Heimat. Gülen motiviert sie dazu, sich für die Gesellschaft unabhängig und lokal zu engagieren. Er legt den Menschen nahe, das Land, in dem sie leben, zu lieben. Genau deshalb sind seine Ansichten für türkische Einwanderer in Deutschland wertvoll.

Engagement für gesamtgesellschaftliche Integration

Das Leben in Deutschland ist intensiv von Begegnungen mit dem Anderen geprägt. Im Kindergarten, in der Schule, an der Universität, im Berufsleben und vor allem aber auch in der Nachbarschaft hat man Freunde und Bekannte, die Christen, Juden, Atheisten, Buddhisten und Agnostiker sind. Fethullah Gülen spricht sich dafür aus, den Mitmenschen so zu lieben, wie er ist und ihn in seiner Lebensphilosophie voll und ganz zu respektieren. Gülen unterstreicht Toleranz und Liebe gegenüber allen Geschöpfen als Lehre des Islam. Ein Islamverständnis, das nicht auf Abgrenzung und Mission ausgelegt ist, sondern auf Inklusion und Toleranz, kommt bei den Muslimen hierzulande sehr gut an.

Hier ist Gülen auf einer Linie mit den Sufi-Meistern Yunus Emre und Rumi, die weltweit für eine Philosophie der Versöhnung bekannt sind.

Dialog mit Aleviten

Für in Deutschland aufgewachsene türkischstämmige Muslime spielten die kurdische und auch die türkische Identität sowie auch die Zugehörigkeit zur sunnitischen oder alevitischen Konfession zunächst keine Rolle. Sie waren Menschen aus der Türkei, die das gleiche Schicksal teilten. Viele Kurden und Türken sind daher eng befreundet. Mischehen sind absolute Normalität. Fethullah Gülen unterstreicht in seinen Aussagen, dass Terror nicht mit Waffen besiegt werden kann. Nur durch Versöhnung, Liebe und Dialog könne man einen wahren Frieden erreichen. Genau aus diesem Grund greifen viele Türkischstämmige diese Ideen auf und setzen sich für den kurdisch-türkischen und auch für den sunnitisch-alevitischen Dialog ein.

Der türkische Islamgelehrte Fethullah Gülen.

Einsatz für Bildung

Ein gesellschaftlicher Aufstieg ist nur durch Bildung möglich. Dabei sollte man Bildung nicht nur als Schulbildung, sondern auch als Bildung im weitesten Sinne verstehen. Denn Unwissenheit und Vorurteile gegenüber dem Anderen sind die vielleicht wichtigsten Quellen unserer gesellschaftlichen Probleme. Gülen betont die Bedeutung einer derartigen Bildung für Gesellschaften. In lokalen Projekten versuchen die in Hizmet Engagierten, weitere Personen unterschiedlichster Ethnien und Religionen zu finden, die diese Projekte unterstützen wollen.

Gleichberechtigung der Frau

Muslimische Frauen wollen die Gleichstellung von Mann und Frau. Auch wenn in vielen Debatten über den Islam die Frauen thematisiert werden, belegen Statistiken, dass gerade die muslimischen Mädchen und Frauen oft erfolgreicher und besser integriert sind. Die Muslimas wollen sich nicht auf eine ausschließlich häusliche Rolle reduzieren lassen, wie sie etwa in vielen wahhabitisch geprägten Ländern Gang und Gäbe ist, sondern wollen auch studieren und Karriere machen. Sie wollen die Gleichstellung von Mann und Frau im Islam, von der auch Gülen spricht.

Für viele der in Deutschland aufgewachsenen Muslime aus türkischen Einwandererfamilien sind all diese Aspekte in ihrem Alltag von großer Bedeutung. Auch wenn der kulturell gelebte Islam ihrer Eltern diesen oft andere Antworten gegeben hat, bietet sich ihnen so die Möglichkeit, Tradition mit Moderne in Verbindung zu bringen. Ein Islamverständnis, das provoziert, isoliert und die Mehrheitsgesellschaft beleidigt, schadet der gesamten Gesellschaft und dem friedlichen Zusammenleben. Gülen verdeutlicht in seinen Schriften, wie die Muslime in ihrem Alltag ein pragmatisches Islamverständnis leben können. Er motiviert sie dazu, fleißig zu sein, sich zu engagieren und sich für Dialog und Bildung einzusetzen. Das ist ein Islamverständnis, das wir in Deutschland brauchen.

Ercan Karakoyun koordiniert die Arbeitsgruppe Hizmet in Deutschland und ist Vorsitzender der Stiftung Dialog und Bildung. Die Stiftung informiert über die Ursprünge, die Entwicklung und die Aktivitäten von Hizmet in Deutschland sowie über die Ideen und die Arbeit Fethullah Gülens. Sie dient als Ansprechpartner für Medien, Politik und Gesellschaft.

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