Hizmet-Bewegung und die freiheitlich-demokratische Grundordnung

dtj-online-logoIn den letzen Wochen hat es eine Diskussion um die Arbeit der von Gülen inspirierten Hizmet-Bewegung in Deutschland gegeben. Ercan Karakoyun, Vorsitzender der Stiftung Dialog und Bildung, nimmt Stellung zu den wichtigsten Kritikpunkten.

Viele Menschen in ganz Deutschland engagieren sich Tag für Tag in Hizmet. Das Angebot der örtlichen Dialog- und Bildungsvereine interessiert die Menschen, aber es wirft auch Fragen auf. Denn unser Engagement in Deutschland ist mit der Zeit größer geworden. Dadurch kommt Hizmet stärker mit der deutschen Gesellschaft in Berührung, und Fragen, etwa nach den zugrunde liegenden Werten oder der Struktur der Bewegung, kamen auf.

Es ist wichtig, dass diese Fragen gestellt werden und ein offener, auf Transparenz ausgerichteter Dialog stattfindet. Wir haben es uns als Stiftung Dialog und Bildung daher zur Aufgabe gemacht, über Aktivitäten von Hizmet in Deutschland, und die Ideen Fethullah Gülens zu informieren, die oftmals dem Engagement der Menschen in Hizmet zugrunde liegen. Diese offene Kommunikation der Werte und der Hintergründe unseres Engagements ist wichtig, um Vorbehalten und Missverständnissen zu begegnen. Die Bundesregierung hat in ihrer Antwort auf die Kleine Anfrage der Linken ihre grundsätzlich positive Sicht auf die ‚Gülen-Bewegung‘, wie Hizmet auch bezeichnet wird, kürzlich bestätigt. Sie macht deutlich, dass sie die Einschätzung der baden-württembergischen Landesregierung teilt, wonach die Bewegung mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung in Einklang steht.

Gemeinsame Werte liegen nicht selten dem Engagement einer Gruppe von Menschen zugrunde – sie sind oftmals sogar das verbindende Element. Das ist auch der Fall bei den Menschen, die sich in Hizmet engagieren. Fethullah Gülen und seine Lehren sind für viele von Ihnen eine wichtige Quelle der Inspiration. Letztendlich findet das Engagement aber jeweils vor Ort statt. Jeder entscheidet selbst, wie er seinen Beitrag leisten möchte. Mir scheint, dass es wichtig ist, diese Werte und den Einsatz dieser Menschen näher zu erläutern, um es besser zu verstehen.

 Volkssouveränität, Gewaltenteilung, Demokratie

Eine neue Bewertung der ‚Gülen-Bewegung‘ durch die Landesregierung in Baden-Württemberg ist für diesen Sommer angekündigt. Diese erfolgt leider momentan noch ohne den direkten Austausch mit den Menschen in Hizmet. Von der Stiftung Dialog und Bildung wurde das Gesprächsangebot mehr als deutlich und mehr als einmal unterbreitet. Da im direkten Austausch keine Erläuterung der Werte, die dem Engagement der Menschen in Hizmet zugrunde liegen, möglich war, soll dies im Rahmen dieses Artikels geschehen.

Demokratie ist die Voraussetzung politischer und gesellschaftlicher Teilhabe eines jeden Menschen. Hizmet setzt sich engagiert für eine solche demokratische Teilhabe der Menschen in der Gesellschaft ein. Demzufolge liegen den Aktivitäten des Hizmet-Netzwerks demokratische Prinzipien wie Meinungsfreiheit, Toleranz, Gewaltfreiheit und Gleichberechtigung zugrunde. Hizmet und das damit verbundene Engagement verkörpert gegenseitiges Verständnis, Respekt und Toleranz sowie ein friedliches Miteinander.

Dies entspricht auch Gülens Ideen. Für Gülen ist ist der Islam mit seinen Grundsätzen wie dem Prinzip der Beratung, der Schutz der Rechte von Minderheiten und dem Prinzip der Mehrheitsherrschaft eine geeignete Grundlage für den Aufbau einer Demokatie.

Gülen, der sich seit 1996 immer wieder mit dem Verhältins von Islam und Demokratie auseinander gesetzt hat, kommt immer wieder zum selben Ergebnis: Er spricht sich eindeutig für einen demokratischen politischen Rahmen und für die Trennung von Staat und Religion aus. Damit reiht sich er in die Riege religiöser Denker ein, für die es kein zurück von der Demokratie gibt, da sie die Würde des Menschen achtet und Gerechtigkeit, Dialog sowie ein friedliches und respektvolles gesellschaftliches Miteinander sicherstellt.

Gleichberechtigungsgebot

Bei Hizmet sind Männer und Frauen gleichgestellt und gleichberechtigt. Gülen spricht der Frau eine aktive Rolle bei der Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens zu. Die Unterdrückung der Frau, insbesondere Gewalt gegen Frauen, ist im Wertegerüst Fethullah Gülens nicht akzeptabel – egal ob innerhalb oder außerhalb des Islams.

Gülen ermutigt Frauen explizit, aktiv am gesellschaftlichen Leben mitzuwirken und beruflich erfolgreich zu sein. Und so ist es auch uns in unserer Stiftungsarbeit besonders wichtig, die Rolle der Frau in der Gesellschaft zu stärken. Im Interview mit Dr. Rainer Hermann in der FAZ sagt Gülen im Jahre 2012, dass Frauen alle Rollen übernehmen können. Im selben Interview merkt Gülen an:

„‚Die Frau im Islam‘ gehört zu den Themen, die im Westen negativ und am häufigsten behandelt werden. Einiges, was negativ erscheint, muss man im Zusammenhang mit den Bedingungen der jeweiligen Epochen und Staaten bewerten. Zudem herrschen in einigen Regionen und Gesellschaften weiter Gewohnheiten und Traditionen, die es vor dem Islam gegeben hat und die weitergeführt werden.“

Ältere Schriften Gülens müssen im historisch-räumlichen Kontext der Türkei gesehen werden. Dass er etwa ein Vorwort für eine Koranübersetzung schreibt, heißt keinesfalls, dass er alle persönlichen Anmerkungen des Übersetzers teilt. Bei dem Thema Gewalt an Frauen beispielsweise widerspricht er der Meinung des Autors und sagt deutlich, dass der Islam niemals das Schlagen der Frau toleriert. Gülen fragt hierzu: „Können Sie mir ein einziges Beispiel aus dem Leben des Propheten Mohammad nennen, in dem er seine Frauen schlägt?“ Er ergänzt: „Zusätzlich könnten Frauen, die geschlagen werden, Judo, Taekwondo oder Karate-Kurse besuchen, damit sie sich doppelt so gut wehren können, falls ihre Ehemänner sie angreifen.“

Religionsfreiheit

Hizmet verbindet Menschen, die sich auf der Grundlage gemeinsamer Werte für unsere Gesellschaft engagieren. In den Vereinen und Projekten Hizmets engagieren sich auch viele Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen – in Deutschland etwa Christen, Juden und auch Atheisten. Für uns ist die Vielfalt weltanschaulicher und religiöser Ansichten in der Hizmet-Bewegung und der Gesellschaft insgesamt eine Bereicherung. Vor diesem Hintergrund suchen wir ganz gezielt die Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten Partnern.

Durch diese Kooperation fördern wir den interkulturellen und interreligiösen Dialog zwischen Menschen verschiedenster Hintergründe. Wir setzen damit ein Zeichen für Offenheit und gegenseitigen Respekt. Denn Meinungs- und Religionsfreiheit sind von grundlegender Bedeutung für unsere Demokratie. Sie sind Ausdruck der Stärke und Vielfalt einer Gesellschaft. Die Stiftung Dialog und Bildung setzt sich so aktiv für einen Dialog ein, der auf Demokratie, Meinungs- und Religionsfreiheit basiert und in unserem Grundgesetz sowie den allgemeinen Menschrechten verwurzelt ist.

In folgender Passage setzt sich Gülen mit dem Vers „Es gibt keinen Zwang in der Religion“ (2:256) auseinander. Direkt zu Beginn des Textes setzt er ein Signal für Toleranz und Offenheit:

„Der Zwang widerspricht dem Sinn und Zweck der Religion, die im Wesentlichen ein Aufruf an die Lebewesen mit freiem Willen ist, die Existenz ihres Schöpfers zu bejahen und ihn zu verehren. […] Die Nichtmuslime, die in muslimischen Gesellschaften leben, haben immer ein Recht auf absolute Glaubens- und Religionsfreiheit. […] In gewissem Sinne ist die religiöse Toleranz eine soziopolitische Eigenschaft, die charakteristisch für den Islam ist und die sich direkt aus dem Verständnis, das die Muslime vom Koran haben, und aus ihrer Verpflichtung gegenüber seinem Grundsatz keines Zwangs in der Religion ableitet. […]“

Und im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (06.12.12) erläutert Gülen:

„Die Glaubensfreiheit ist in der muslimischen Religion ein Prinzip. […] Das islamische Prinzip ist, die Freiheit der Glaubensausübung – der Muslime wie der Nichtmuslime – unter Schutz zu stellen. Die unterschiedlichen Umsetzungen in der Geschichte müssen jedoch in ihrem eigenen historischen Kontext gesehen werden.“

Auch der Übersetzung einer Predigt Fethullah Gülens aus dem Jahre 2004 ist ein Bekenntnis zur Glaubensfreiheit zu entnehmen:

„Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn Menschen ihre normalen religiösen Zeremonien ausüben, und wenn manche, die von diesen Handlungen positiv beeindruckt sind, zu ihnen übertreten. Niemand hat das Recht, sich in die persönliche Überzeugung einzumischen.“

Erneut gilt auch hier, dass alle anderen älteren Aussagen Gülens im historischen und inhaltlichen Kontext der Diskussionen in der muslimischen Welt gesehen werden müssen. In älteren Predigten beispielsweise gibt Gülen die Meinung älterer Exegeten wieder. Er sagt nicht, dass er diese Meinung teilt.

Freiheit der Lehre

Alle Schulen, in denen Menschen, die Hizmet nahestehen, aktiv sind, werden durch eigenständige, voneinander unabhängige und lokal orientierte gemeinnützige Vereine oder Gesellschaften geführt. Schulleitungen, Lehrerkollegien und der Stundenplan entsprechen den landesspezifischen Anforderungen. Es werden ausschließlich die landesüblichen Lehrbücher verwendet. Demokratie, Wissenschaft, Freiheit, Frieden, universelle Werte wie Toleranz, Chancengerechtigkeit, gesellschaftliche Teilhabe, demokratische Grundrechte, Meinungsfreiheit, Gleichstellung von Mann und Frau sowie Einhaltung der Gesetze in Deutschland sind feste Bestandteile der Lehren in den Klassenräumen.

Für mich ist die Situation eindeutig: Basis der Ideen Hizmets und Fethullah Gülens sind universelle Werte wie Toleranz, Chancengerechtigkeit, gesellschaftliche Teilhabe, demokratische Grundrechte, Meinungsfreiheit sowie Gleichstellung von Mann und Frau. Auf dieser Basis setzen die hier lebenden Menschen in Hizmet ihr Engagement vor Ort um. Die Stiftung Dialog und Bildung wird insbesondere in den kommenden Wochen und Monaten bis zur Bekanntmachung der Einschätzung der ‚Gülen-Bewegung‘ seitens der Landesregierung Baden-Württemberg nicht müde werden, diese Hintergründe zu schildern und zu betonen. In Gesprächen und Begegnungen sollen die Überzeugungen und Werte Hizmets erläutert werden. Die Tür zum Dialog steht unsererseits offen.

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