Jahrelang ohne „echte Öffentlichkeitsarbeit“

islamische_zeitung2Johannes Nitschmann – Düsseldorf (KNA). Die umstrittene muslimische Gülen-Bewegung will ihre Arbeit in Deutschland künftig transparenter machen und mit den staatlichen Sicherheitsbehörden kooperieren. „Natürlich hat eine demokratische Gesellschaft das Recht, sich Organisationen, die sie nicht so gut kennt, anzuschauen“, sagt Ercan Karakoyun, als Vorsitzender der Stiftung Dialog und Bildung Ansprechpartner der Gülen-Bewegung.

Das muslimische Netzwerk, das weite Teile des Medien- und Bildungssektors in der Türkei kontrolliert und weltweit über eigene Schulen und andere Einrichtungen agiert, gilt vielen als undurchschaubar, auch gefährlich. Unter dem Deckmäntelchen humanistischer Gesinnung, so die Kritiker, verfolge sie eine „islamistische“ Agenda. Zuletzt wurde sie verdächtigt, in der Türkei einen Machtkampf gegen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan angezettelt zu haben. Deutsche Kritiker sehen in der Bewegung, die in etwa 140 Ländern rund acht Millionen Anhänger zählt, eine „sektenähnliche Organisation“ mit konservativem Islamverständnis und nationalistischen Tendenzen.

Dagegen versichert Karakoyun, die ganz auf den Prediger Fetullah Gülen (geboren 1941) zugeschnittene Bewegung strebe keinen Gottesstaat an. Er ist in Dortmund aufgewachsen und war dort stellvertretender Juso-Chef. Inzwischen lebt der 33-Jährige in Berlin, führt hauptberuflich die Stiftungsgeschäfte und ist weiterhin SPD-Mitglied.

Gülen und die Sozialdemokratie vertrügen sich programmatisch durchaus, betont er. „Unverrückbares Fundament für unsere Arbeit sind demokratische Werte wie Toleranz-, Meinungs- und Religionsfreiheit sowie die Gleichberechtigung von Mann und Frau.“ Kürzlich bot Karakoyun Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) „Kooperationsbereitschaft und Mitwirkung“ bei der verfassungsrechtlichen Überprüfung seiner Bewegung an. Als Vorsitzender der Innenministerministerkonferenz drängt Jäger auf eine „einheitliche Linie“ der Verfassungsschutzbehörden im Umgang mit dem Netzwerk. Jäger will die Bewertung der Gülen-Bewegung als nicht verfassungsfeindlich genau prüfen lassen. Denn Verfassungsschutzbehörden mehrerer Länder stufen die Haltung der Bewegung zu Religionsfreiheit und Gleichberechtigung als problematisch ein.

Mit den Grundsätzen der Gülen-Bewegung hätten solche Praktiken nichts zu tun, betont Karakoyun. Vielmehr werde in den Einrichtungen Gleichberechtigung gelebt und gelehrt. Ein zentrales Ziel der Bewegung sei es, bildungsferne Schichten zu erreichen und solidarisch mit den Armen zu sein. Zudem leisteten sie Nothilfe in Krisengebieten – ähnlich wie die katholische Caritas oder die evangelische Diakonie.

Schließlich strebt die Bewegung laut Karakoyun den Dialog zwischen Ethnien und Religionen an. Daher gebe es an den Schulen auch keinen islamischen Religionsunterricht, sondern nur überkonfessionellen Ethikunterricht. Die interkulturellen Vereine des Netzwerks suchten die Zusammenarbeit mit Christen, Juden und anderen. Selbst unter Muslimen sei die Gülen-Bewegung nicht unumstritten, weil sie sich „mit Ungläubigen an einen Tisch“ setze und den Dialog mit den Kirchen suche, so Karakoyun.

Dass seine Gruppierung in Deutschland zunehmend Misstrauen erweckt, habe sie sich womöglich selbst zuzuschreiben, räumt der Stiftungs-Chef ein. Jahrelang sei keine echte Öffentlichkeitsarbeit betrieben worden. Nachdem aber Zweifel an ihrer Verfassungstreue immer lauter wurden, habe sich die Bewegung zu einer neuen Strategie entschlossen: „Wir wollen Transparenz schaffen, um Vorbehalte ausräumen.“

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