Kritiker und Sympathisanten der Gülen-Bewegung

dtj-online-logoDie kritische Kultur dieser Gesellschaft weiß ich überaus zu schätzen. Es handelt sich dabei um eine kritisch-analytische Haltung, die ich mir auch gegenüber den Kritikern der Gülen-Bewegung wünsche.

Die Kritiker der Gülen-Bewegung sind zumeist türkisch-/kurdisch-stämmige (Ultra-) Nationalisten und Kemalisten, Islamgegner sowie radikale Islamisten. Sie greifen bei ihrer Argumentation vor allem auf haltlose Verschwörungstheorien zurück. Die Sympathisanten kommen hingegen aus allen Lagern. Einer Umfrage von MSNBC zufolge befürworten 87 % der türkischen Bevölkerung die Aktivitäten der Gülen-Bewegung. Insbesondere Vertreter religiöser Minderheiten aus der Türkei sehen in Fethullah Gülen und der Gülen-Bewegung wichtige Dialogpartner für aktuelle Fragestellen und brisante Thematiken unserer Zeit. Viele arbeiten eng mit der Bewegung zusammen und organisieren gemeinsame Aktivitäten.

Fethullah Gülen ist ein Prediger mit großem Charisma. Die Themen, die er anspricht, werden breit in der Öffentlichkeit diskutiert, wobei die Betonung auf „diskutiert“ liegt. Ein Intellektueller wie Gülen ist an keinen politischen Standort gebunden, woraus nicht selten Konflikte und Meinungsunterschiede mit politisch-gebundenen Akteuren resultieren. Dass Fethullah Gülen viele Gegner hat, ist kein Geheimnis. Er kann sich aber glücklich schätzen, weit mehr Unterstützer zu haben. Ich rate politischen Entscheidungsträgern daher, stets ganz genau zu überprüfen, wer welche Kritik ausspricht und wer Gülens Ideen nicht nur teilt, sondern mit Institutionen der Bewegung auch intensiv zusammenarbeitet.

Die Kritiker der Bewegung lassen sich in erster Linie in folgenden Lagern verorten: türkische und kurdische (Ultra-) Nationalisten, radikale Islamisten und ideologische Islamgegner, außerdem fanatische Kemalisten. Für türkische (Ultra-)Nationalisten ist Gülen ein Geheimagent des Westens, der die Türkei dem Westen unterordnen will. Für kurdische (Ultra-)Nationalisten und Anhänger der Terrororganisation der PKK ist er dagegen jemand, der die Assimilation der Kurden will. Sie sehen in Gülen einen Gegner, da er mit seinen Ideen zum kurdisch-türkischen Dialog der PKK den Nährboden für ihren Terror entzieht. Für radikale Islamisten ist Gülen eine Person, die mit den Ungläubigen an einem Tisch sitzt und sich für einen Dialog mit diesen engagiert. Für Islamgegner ist er hingegen ein zu gläubiger Muslim.

Geheimagent des Westens, aber auch Islamist

Am interessantesten ist in diesem Kontext wohl die Position der Kemalisten, denn sie spielen ein Doppelspiel. In der Türkei stellen sie die Bewegung an die Seite des Vatikans, der USA und Israels. Es geht ihnen also um ihre ultranationalistische und turanistische Ideologie. Im westlichen Ausland ordnen sie die Bewegung dagegen der Seite von Scharia-Anhängern und Islamisten zu. Für Kemalisten hat ein muslimischer Prediger, der sich für die Rechte von religiösen Minderheiten einsetzt, sich für die kurdische Sprache stark macht und sich mit Bildungsprojekten für die einfachen Bürger engagiert, keinen Platz. Ihre Auffassung ist, dass ein Türke so viel Wert sei, wie alle anderen Menschen zusammen, wie es einst Atatürk sagte. Gülen, der zu Dialog, Toleranz und friedlichem Zusammenleben zum Wohle aller aufruft, passt deshalb offensichtlich nicht in ihr Bild der „modernen“ Türkei.

Werfen wir nun aber einen Blick auf die Unterstützer in der Türkei: Zu ihnen zählen höchstinteressante Akteure. In zahlreichen Artikeln und Aufsätzen bekunden sie ihre Unterstützung für die Bewegung insgesamt und Fethullah Gülen als Person.

Einer von ihnen ist der Chefredakteur der Türkisch-Armenischen Tageszeitung Agos, Etyen Mahçupyan, seines Zeichens Nachfolger des 2007 ermordeten Hrant Dink. Er schreibt wöchentlich eine Kolumne für die Tageszeitung ZAMAN, die der Bewegung nahesteht.

Weitere Sympathisanten der Bewegung und von Fethullah Gülen sind die Vertreter der religiösen Minderheiten in der Türkei. Hierzu gehören vor allem Mesrop Mutafyan, der Patriarch von Konstantinopel der armenisch-apostolischen Kirche, Bartholomäus I., der griechisch-orthodoxe Patriarch von Konstantinopel, Ishak Haleva, der jüdische Oberrabbiner der Türkei und Yusuf Sag, Chorbischof und Patriarchalvikar der syrisch-katholischen Kirche der Türkei.

Sympathisanten aus allen Gesellschaftsschichten

Diese Vertreter von religiösen Minderheiten machen kein Geheimnis aus ihrer großen Sympathie für Gülen und seine Ideen. Vor kurzem äußerte sich Bartholomäus I. zu seiner Freundschaft mit Gülen öffentlich in der renommierten „Chicago Tribune“. Chorbischof Yusuf Sag arbeitet derzeit an einem Buch, in dem er die Dialogaktivitäten, die er zusammen mit Gülen initiiert hat, beschreibt.

Diese Gegenüberstellung von Befürwortern und Gegnern soll vor allem eines verdeutlichen: Jeder hat das Recht, andere zu kritisieren. Jedem steht ebenso das Recht zu, darüber zu schreiben. Genauso hat jeder das Recht, mit jemandem zu sympathisieren. Dass es Menschen gibt, die Fethullah Gülen mögen, und andere wiederrum, die dies nicht tun, ist also ganz normal. Ich wünsche mir daher von Entscheidungsträgern der Mehrheitsgesellschaft in erster Linie, dass sie sich stets genau anschauen, aus welchem Lager eine Kritik vorgebracht wird. Wenn die Kritik konstruktiv und fundiert ist, sollte diese auch an die Ehrenamtlichen der Bewegung weitergeleitet werden. Denn diese Art der Kritik ist vielfach wertvoll, weil konstruktiv.

Wenn die Kritik allerdings ideologisch gefärbt ist und nichts anderes als haltlose Verschwörungstheorien (die in der Türkei ohnehin sehr verbreitet sind) beinhaltet, dann sollte sie auch als solche wahrgenommen werden.

Die kritische Kultur dieser Gesellschaft weiß ich überaus zu schätzen. Es handelt sich dabei um eine kritisch-analytische Haltung, die ich mir auch gegenüber den Kritikern der Gülen-Bewegung wünsche.

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