Muslime zwischen Tradition und Moderne.

stimmen-der-zeitTobias Specker – Die Gülen-Bewegung als Brücke zwischen den Kulturen. Hg. von Walter Homolka, Johann Hafner, Admiel Kosman u. Ercan Karakoyun.

Freiburg: Herder 2010. 258 S. 11,95.

„Mit diesem Islam müssen wir uns nicht länger schwer tun“ (104): So knapp wie normativ formuliert es der FAZ-Journalist Rainer Hermann in seinem Beitrag zu diesem Sammelband, in dem Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen die Gülen-Bewegung für eine breitere Öffentlichkeit darstellen und analysieren.

Man mag Hermanns umfassend positive Wertung teilen oder nicht, sicher ist, daß das Thema Aufmerksamkeit verdient. Denn zum einen mangelt es immer noch an seriöser Auseinandersetzung mit der Bewegung, die von den Gedanken des in den USA lebenden türkischen Predigers Fethullah Gülen inspiriert ist und die in Deutschland die Gründung von über 20 Schulen und Hunderten von Nachhilfezentren angestoßen hat. Zum anderen macht die Analyse der Gülen-Bewegung exemplarisch einen „Prozeß, der zur Formulierung eines Islam in Deutschland führt, ansichtig“ (27). Denn die Aktivitäten der von Gülen inspirierten Vereine, die von sehr einflußreichen Medien über die Bildungsarbeit bis hin zu repräsentativen Dialogveranstaltungen reichen, verstehen sich nicht als reines Engagement von Migranten für Migranten, sondern als bewußt in Deutschland situierte, eine religiöse Motivation mit dem Anspruch auf universelle Werte kombinierende, zivilgesellschaftliche Aktivitäten.

Drei Artikel des Bandes, der im Kern auf die bundesweite Konferenz 2009 in Potsdam zurückgeht, geben dem Leser einen ersten Einblick in das Gedankengut und die Struktur der Bewegung: Der Bonner Islamwissenschaftler Bekim Agai stellt in Kurzform die Person Fethullah Gülens vor, umreißt mit „hizmet“ (Dienst), „Allah’in rizasi“ (Gottes Wohlgefallen) und „müsbet hareket“ (positives Engagement) knapp einige ideelle Grundbegriffe und skizziert die Organisationsstruktur der „cemaat“, in der sich eine auf Eigeninitiative aufbauende und für ihre Teilnehmer verbindliche lokale Struktur mit einer netzwerkartig verbundenen globalen Struktur koppelt, die überregionale Wirksamkeit und ein erstaunliches Maß an „corporate design“ gewährleistet.

Rainer Hermann ordnet die Gülen-Bewegung in die gegenwärtige Entwicklung der Türkei ein, die er als Ablösung von einer autoritären kemalistischen Staatsideologie und als eine Chance zur Versöhnung von Islam und Moderne versteht. Der in der Türkei lebende Jesuit Tom Michel schließlich macht mit der Analyse des Konzeptes von „Ihlas“ (Reinheit der Gesinnung) die spirituellen Wurzeln der Bewegung ansichtig und deutet sie als eine neue Interpretation der klassisch islamischen Mystik, des Sufismus.

Weitere Artikel vertiefen die Analyse der Gülen-Bewegung zum einen aus soziologischer, zum anderen aus theologischer Perspektive: So präsentiert Ercan Karakoyun das Engagement der Bewegung als eine Antwort auf die Mißstände im Bildungssystem. Claudia Derichs betrachtet die Aktivitäten der Bewegung in Australien und stellt vertieft die Motivation und Eigenart schulischer Bildung anhand von drei ausgewählten Schulen dar. Die theologisch orientierten Beiträge widmen sich der Wirtschaftsethik und dem Rechtsverständnis, letzterer leider nicht ohne eine gewisse Oberflächlichkeit, die die entscheidende Frage nach der Versöhnung von europäischer und islamischer Rechtskultur eher anreißt als erörtert.

Abschließend ist auf zwei Artikel hinzuweisen, die explizit kritische Themen ansprechen: Zum einen verbindet Michael Blume seine Deutung der Bewegung aus der Analogie zum Pietismus mit der Einschätzung, die Gülen-Bewegung stehe an einer „Wegentscheidung“ zwischen dem Ideal einer Vereinbarkeit von Religion und Wissenschaft und der Entwicklung zu einer „frommen Subkultur“ (142). Die Weggabelung ist für Blume dabei das Verhältnis zur Evolutionstheorie, in dem Gülen nicht zwischen der wissenschaftlichen Forschung und der ideologischen Verwendung differenziere. Johann Hafners sehr lesenswerter Artikel schließlich stellt Gülens ambivalente Haltung zur Apostasie als den Ernstfall der Religionsfreiheit dar.

Insgesamt ist der Sammelband als Einführung in die Gülen-Bewegung und ihren geistigen Hintergrund trotz eines manches Mal werbenden und apologetischen Tonfalls zu empfehlen. Bedauerlich bleibt, daß der Beitrag von zwei namhaften jüdischen Wissenschaftlern sich auf die Kundgabe ihrer Namen auf dem Titelblatt beschränkt – etwas mehr hätten Walter Homolka und Admiel Kosman wohl doch zu sagen gehabt.

 

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