Offener Brief an Can Dündar: “Bitte kehren Sie auf Ihr journalistisches Niveau zurück.”

Sehr geehrter Herr Dündar,

Sie genießen derzeit größte Aufmerksamkeit in Deutschland und auch in der Türkei. Für Ihre investigative journalistische Arbeit ernten Sie hier Respekt und Anerkennung, dort Verfolgung und Hass. Ich teile die deutsche Bewunderung für Ihren Mut, kritische Fragen zu stellen und bin dankbar, dass Sie die Prinzipien der Pressefreiheit verteidigen – auch um den hohen Preis von Repression und Verfolgung. Weil Sie für Wahrheit, für Demokratie und Menschenrechte kämpfen, sind selbst Ihre Angehörigen in der Türkei bedroht. Ich weiß, was das bedeutet, da auch meine Familie und ich selbst in ähnlicher Weise bedroht werden – genau wie tausende andere Menschen in der Türkei – ohne Gerichtsverfahren, ohne juristisch nachvollziehbare Argumente und ohne jeden stichhaltigen Beweis. Allein die kritische Position gegenüber der türkischen Regierung und ein Beharren auf Demokratie und Menschenrechte genügt.

Umso verwunderter bin ich über Ihre jüngste Kolumne auf Zeit Online zu den “Sex-Tapes” von Donald Trump. Die Irritation liegt offenbar nicht nur bei mir. Auch die Kommentare unter Ihrem Text zeigen, dass die Leser unterschiedlich einschätzen, ob es sich bei Ihrem Text um eine “Verschwörungstheorie”, “bullshit” oder „Humor“ handelt. Ich habe beschlossen, Ihren Text ernst zu nehmen. Bitte korrigieren Sie mich, wenn ich damit einem späten Aprilscherz aufsitze, oder den subtilen Witz einer Glosse nicht verstanden habe.

Sie kolportieren ein in der Türkei kursierendes Gerücht, dass der in den USA lebende Prediger Fethullah Gülen im Jahre 2005 heimlich ein Gespräch zwischen dem Unternehmer Donald Trump und dem Fernsehmoderator Billy Bush filmen ließ, das die beiden eigentlich “off the records” führten. Das Gerücht ist absurd. Wie hätte auch nur irgendein “Gülenist” 2005 ahnen können, dass sich die Türkei elf Jahre später im Ausnahmezustand befindet und weiter denn je zuvor von einem demokratischen Rechtsstaat entfernt ist? 2005 war die Türkei mit Erdoğan gerade auf dem genau gegenteiligen Weg. Damals wurden endlich Grundrechte wie die Religionsfreiheit, oder das Recht, eine Muttersprache zu sprechen, in der Türkei etabliert. Sicher: Ausgerechnet die Cumhuriyet, also jene Zeitung deren Chefredakteur Sie später wurden und die gerade erst vor wenigen Wochen den alternativen Friedensnobelpreis bekommen hat, war damals keineswegs davon angetan, dass die kurdischen Minderheiten in der Türkei, das Recht auf Schulunterricht in eigener Sprache bekamen. Auch die Religionsfreiheit stand nie auf der Werteliste der alten kemalistischen Eliten und ihrer mächtigen Tageszeitung.

Heißt Demokratie und Etablierung von Grundrechten aber auch nicht, dass sich ebenfalls Muslime organisieren und in gesellschaftspolitische Debatten einbringen können, ja sollen?  Sie stehen aber für einen kemalistischen Laizismus, der es den gläubigen Muslimen unmöglich macht, sich in öffentliche und politische Entscheidungsprozesse einzubringen und verstehen die Aufklärung als ein anti-religiöses Projekt. Wenn man ihre Logik folgt, bekommt man leicht den Eindruck, dass sie Muslime per se als böse sehen und religiöse Gemeinschaften nicht als zivilgesellschaftliche Akteure betrachten.

Trotzdem: Wer hätte 2005 ahnen können, dass die heutige türkische Regierung einen Muslime hassenden und demokratische Grundrechte in Frage stellenden Populisten als amerikanischen Präsidenten befürworten würde und man deshalb mit dem “Trumps Sex-Tape” indirekt der türkischen Regierung schaden könne?

Dass es heutzutage jedem jederzeit passieren kann, unbedacht und scheinbar in privater Umgebung gemachte Äußerungen von irgendjemandem aufgezeichnet und veröffentlicht werden können, hat sich herumgesprochen. Die technische Qualität von “Schnappschüssen” ist dank Smartphones derweil so groß, dass selbst staatliche Nachrichtensender mit Laienaufnahmen arbeiten können. Dafür braucht es keinen MI6, keinen James Bond, oder “einen Schlosser und vier, fünf Abhörtechniker und Geheimdienstler”, wie Sie behaupten.

Die Trump-Aufnahme war üblicher Abfall einer ganz banalen Fernsehproduktion. Daily Soap. Dass sie jetzt gefunden wurde, liegt daran, dass amerikanische Journalisten derzeit jeden Schnipsel, den sie zu den Spitzenkandidaten finden können, auf mediale Verwertbarkeit prüfen. Dieser Schnipsel schürt Emotionen, bringt Aufmerksamkeit und Quote, lässt Geld verdienen, kurz: war verwertbar. Sex sells. Mit einem demokratischen Wahlkampf und einer sachlich geführten Auseinandersetzung um politische Positionen hat derlei kaum noch etwas zu tun. “Post-Truth-Politics” nennen das die Experten und gerade demokratisch gesinnte Journalisten betrachten diesen Trend – jenseits von Fakten und Argumenten einfach nur Stimmung zu machen – mit größter Sorge.

Dass die türkische Regierung die medial aufgewühlte Stimmung in den USA aktuell für eigene Interessen in der Innenpolitik nutzt, ist erschreckend, wenngleich angesichts der medialen Gleichschaltung der letzten Jahren nicht verwunderlich. Derzeit wird auf allen medialen Kanälen, die mittlerweile ohne Ausnahme staatsnah und von der Regierung abhängig sind, eine Botschaft wiederholt: Die Türkei ist bedroht, wir brauchen einen starken Mann an der Staatsspitze! Um die Alleinherrschaft Erdoğans zu rechtfertigen, braucht es einen gefährlichen Gegenspieler. Gibt es keinen, wird er eben erfunden.

Offiziell wird eine rechtsstaatliche Aufklärung des Putschversuches behauptet; in Wahrheit ist es eine so schlichte wie grausame Hexenjagd, zu der sie kaum was zu sagen haben. Jede Schlagzeile wird genutzt. Gute Nachrichten sind Erdoğans Verdienst. Schlechte Nachrichten Gülens Schuld. Die propagandistische Schwarz-Weiß-Malerei zeigt Wirkung. Wer tausendmal am Tag erzählt bekommt, Gülen sei der Teufel, glaubt irgendwann eben auch, dass Gülen hinter “Trumps Sex-Tapes” steckt.

Was treibt Sie, werter Herr Dündar, dazu, diese Erdoğan-Propaganda jetzt in Deutschland weiterzuverbreiten und dabei als „Beleg“ alte Skandale aus der Türkei heranzuziehen? Ja, stimmt: Es gab wahlentscheidende Sex-Tapes auch in der Türkei. Wer steckte dahinter? Man weiß es bis heute nicht. Profitiert hat jedes Mal Erdoğan. Es gibt auch Indizien (etwa Filmaufnahmen, die Erdoğan zeigen, wie er die Sex-Tapes bereits vor ihrer Veröffentlichung ansieht), die dafür sprechen, dass er die Aufnahmen „leaken“ ließ. Bei den Beschuldigungen spielen die möglichen Beteiligten Ringelreihen: die AKP beschuldigt die CHP, die CHP beschuldigt die AKP, die AKP beschuldigt Gülen, die CHP verteidigt Gülen.

Übrigens: Der Anwalt und CHP-Politiker Deniz Baykal, der 2010 selbst von den Video-Veröffentlichungen betroffen war, warf der türkischen Regierung noch im August 2016 vor, für die Veröffentlichung des Videos verantwortlich zu sein und zwar ausgerechnet in der Cumhuriyet, deren Chefredakteur Sie zu diesem Zeitpunkt noch waren. Baykal glaubte selbst zu diesem Zeitpunkt Erdoğan nicht, der Gülen für alles beschuldige. Vergessen?

Jeder wisse, behaupten Sie nun auf Zeit-online, wie stark Gülen im Geheimdienst und wie umfangreich sein Archiv ist. Und suggerieren dem deutschen Leser, dass Gülen, selbst wenn er die sexistischen Äußerungen Trumps nicht geleakt habe, die türkische Politik mittels Videos von “Schlafzimmern aus fernbedient” habe. Beweise haben Sie dafür so wenig wie die türkische Regierung, die wie Sie selbst schreiben, ihre Hände in Unschuld wäscht: “Alle Verbrechen hat Gülen begangen.”

Ist das Ihre neue Form von türkischer Berichterstattung, für die Sie derzeit in Deutschland werben? Wollen Sie die Pressefreiheit in Deutschland wirklich dafür nutzen, türkische Hetze weiterzuverbreiten?

Oder treibt Sie eine tiefsitzende kemalistische Religionsfeindlichkeit? Nach dem Motto: Gülen und Erdoğan, beides Muslime, einerlei, beide in einen Sack, draufschlagen, trifft auf jeden Fall den Richtigen…?

Ich habe viel Verständnis für menschliche Schwächen. Doch wenn ein Opfer von Repression den eigenen Hals retten will, indem es auf ein noch schwächeres Opfer einprügelt, geht Respekt verloren. Das wäre mehr als Schade. Sie sind ein Vorbild für viele Deutsch-Türken.

Viele türkische Journalisten sitzen im Kampf für Demokratie und Pressefreiheit derzeit im Gefängnis; manche begeben sich aus Angst vor existenz-bedrohenden Repressionen in innere Emigration. Sie leben im Exil und genießen den Schutz der deutschen Öffentlichkeit. Bitte kehren Sie auf Ihr bewährtes journalistisches Niveau zurück und setzen Sie der türkischen “Post-Truth-Politics”  sauber recherchierte Fakten, stichhaltige Beweise und neutrale Sachlichkeit entgegen! Bewahren Sie sich Mut und Anstand!

Respektvolle Grüße

Ercan Karakoyun

(Auch erschienen auf http://dtj-online.de/bitte-kehren-sie-auf-ihr-journalistisches-niveau-zurueck-80007)

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