Podiumsdiskussion: Steckt der Islam in einer Krise? Was sind die Antworten von Hizmet (Gülen-Bewegung)

Terrorismus, Islamismus, die Benachteiligung von Frauen, Bildungsdefizite, Armut… Ja, die islamische Welt befindet sich in einer tiefen Krise. Das war nicht immer so. Viele Jahrhunderte lang waren die Muslime Repräsentanten einer Welt, die der europäischen weit voraus war. Wissenschaften wie die Medizin, die Philosophie, die Chemie aber auch das Zusammenleben von Menschen unterschiedlichster Kulturen erlebten im osmanischen, andalusischen und seldschukischen Reich eine Blütezeit. Auf unserer Podiumsdiskussion mit Michael Blume haben wir versucht der Frage nachzugehen, welche Faktoren zu der aktuellen Krise geführt haben und welche Wege es aus der Krise gibt. Wie kann es gelingen, die Muslime aus ihrer Krise zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug zu führen?

Hierbei kann meines Erachtens Hizmet (die sog. Gülen-Bewegung) mit seinen Werten eine wichtige Rolle spielen. Der muslimische Prediger Fethullah Gülen hat mit seinen Ideen wichtige Impulse gegeben, die eine weltweit aktive transnationale Bewegung hervorgebracht haben. Mit sechs Thesen möchte ich hier darstellen, welche Wege ich aus der Krise sehe:

1. „Baut Schulen, statt Moscheen“: Dieses Zitat Gülens möchte nicht sagen, dass wir keine Moscheen brauchen. Es besagt eher, dass es genügend Moscheen gibt. Das, woran es fehlt, sind allerdings Schulen und Bildungseinrichtungen, die einer breiten Bevölkerungsgruppe einen besseren Zugang zu Bildung ermöglichen.

2. Demokratie, Menschenrechte und Freiheit: Die Grundvoraussetzung für die positive Entwicklung einer Gesellschaft sind Freiheiten und Menschenrechte. Nur wenn die Menschen sich frei fühlen, können sie neue Entwicklungen anstoßen und umsetzen.

3. Die Trennung von Staat und Religion: Die Trennung von Staat und Religion führt dazu, dass Religion sich auf ihr Hauptanliegen konzentrieren kann. Die Trennung ist eine Chance für die Religionen, da die Religion so Religion bleiben kann und nicht durch die Vermischung mit der Politik zu einer politischen Ideologie verkommt.

4. Ziviler Islam und nicht politischer Islam: Im Mittelpunkt der Religion steht die individuelle Vervollkommnung, also die Frömmigkeit, des Einzelnen sowie spirituelle Werte. Das Wohl des Staates und der Politik darf nicht über das Wohl des Einzelnen gestellt werden. Das ist nur mit der Etablierung eines zivilen Islam möglich.

5. Dialog statt Clash der Religionen: Hass und Intoleranz entstehen dort, wo es Vorurteile gibt. Vorurteile sind die Folge mangelnden Wissens und mangelnder Kontakte mit dem Anderen. Im Dialog können Wissen vermittelt und Vorurteile abgebaut werden.

6. Stärkung der Rolle der Frau: Die Benachteiligung bzw. Unterdrückung der Frauen führt zu einer Zerstörung der gesellschaftlichen Ordnung. Gleichberechtigung ist die Voraussetzung für ein System, das auf Teilen und Helfen aufgebaut ist.

Meine Thesen beziehen sich auf die Hausaufgaben der Muslime. Das sind interne Impulse, die nur die Muslime selbst umsetzen können. Der Weg ist lang und steinig. Hinzu kommt, dass jeder Ansatz, etwas gegen diese Krise zu unternehmen, von den radikalen Religiösen und/oder den politischen Machthabern erstickt wird. Daher denke ich, dass die Muslime es nicht alleine aus dieser Krise schaffen werden. Wir brauchen die Unterstützung der demokratischen Welt. Solange antidemokratische Regime aus eigenen Interessen unterstützt und sogar mit Waffen beliefert werden, kann keine Demokratisierung stattfinden. Hier müssen auch wir in Deutschland Verantwortung übernehmen und eine verantwortungsvollere Politik praktizieren.

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