Säkulare Deutschtürken und ihre Rolle als etablierte Kraft in der Politik

dtj-online-logoEngagement in Parteien, NGOs und staatlichen Einrichtungen ist für viele türkeistämmige Menschen Neuland. Das gilt allerdings nicht für alle. Vor allem Säkulare sind seit langem aktiv und etabliert. Diese Alleinstellung versuchen sie nun durch pauschale Verurteilung der Neueinsteiger zu wahren. Die Parteien sind überfordert.

Den meisten ist inzwischen klar, dass die deutschstämmige Bevölkerung sehr heterogen ist. Sie besteht aus unterschiedlichsten kleinen und großen Teilen: Atheisten, Katholiken, Protestanten, Traditionelle, Bürgerliche, Moderne, Liberale, Sozialdemokraten, Linke, Grüne, Rocker, Punks… Die Liste könnte ohne Probleme fortgeführt werden. Diese Vielfalt spiegelt sich überall in der Gesellschaft auch wieder und sie ist ein großer Gewinn für sie. Alle sind sich einig: Kein gesetzestreuer Bürger dieses Landes sollte daher aufgrund seiner Identität, Religion oder politischen Ausrichtung von der Teilhabe ausgeschlossen werden und sollte sich in der Partei, in der er möchte, engagieren können.

Was für Deutschstämmige selbstverständlich ist….

Was für Deutschstämmige als selbstverständlich gilt, wird derzeit leider in Bezug auf die türkeistämmigen Einwanderer anders gesehen. Nicht von der Mehrheitsgesellschaft, sondern von den Türkeistämmigen in den Parteien. Die Etablierten sind in der Regel die säkularen Türken. Sie haben sich in NGOs, Stiftungen und Parteien früh eingebracht, da sie bzw. ihre Eltern auch in der Türkei politisch aktiv waren. Sie haben die Gesellschaft bereichert, in dem sie aktiv mitgemacht und partizipiert haben. Das ist gut so.

Allerdings besteht die türkeistämmige Community nicht nur aus Säkularen. Auch der religiöse Teil der türkeistämmigen Einwanderer ist sehr heterogen und vielfältig. Es gibt unterschiedlichste Gruppierungen, Bewegungen und Sichtweisen. Jeder, der sich für die Grundwerte, auf denen unsere Verfassung fußt, einsetzen und so einen Beitrag für unsere Gesellschaft leisten möchte, sollte dies tun können.

Mentalitätswandel im Gange

Wir erleben nämlich in der neuen Generation einen Mentalitätswandel. Während die Eltern, also die sog. Gastarbeiter, weder Zeit noch Interesse an parteipolitischem Engagement hatten, wollen nun immer mehr junge, erfolgreiche Einwandererkinder, die hier aufgewachsen und sozialisiert sind, in den Parteien und NGOs mitmachen, sie wollen sich engagieren, sie sehen sich als Teil dieser Gesellschaft und wollen ihr etwas zurückgeben. Sie möchten sich für die Werte unserer Verfassung einsetzen. Viele tun dies bereits in eigenen Vereinen und in unterschiedlichen NGOs. Es ist das normalste, wenn gebildete junge türkeistämmige, die sich für diese Gesellschaft engagieren möchten, dies auch in den politischen Parteien tun wollen. Das ist aber nicht so einfach. Denn sie stoßen auf Widerstand. Die Etablierten verurteilen sie und versuchen ihnen schon den Eintritt in eine Partei zu verweigern. Wenn sie drin sind, werfen sie ihnen Unterwanderung vor.

Auch ein Thema für die Parteien

Auch einzelne Parteien haben das Thema nun auf der Agenda. Doch leider passiert etwas für Deutschland unbekanntes. Dieses Land der Diskussionskultur und der kritischen Auseinandersetzung wird Zeuge, wie Parteien und Stiftungen nicht mit, sondern über Menschen sprechen, die ganz normale Bürger dieses Landes sind. Sie werden nicht eingebunden, sie werden gemieden. Das schadet unserer Demokratie.

Es ist wichtig, diese Menschen im politischen Prozess ernst zu nehmen und als gleichwertige Diskussionspartner anzuerkennen. Hier brauchen die Parteien eine neue Ausrichtung. Das Engagement von Türkeistämmigen in den politischen Parteien wird mehr werden. Nur mit einer neuen Offenheit wird man erreichen können, dass Menschen die ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland haben, mitmachen und sich in der Gesellschaft aktiv einbringen. Die Stiftungen und Parteien sollten daher die pauschale Verurteilung von Außenseitern durch Etablierte verhindern und einen konstruktiven Dialog zwischen diesen ermöglichen. Nur so können aus der Türkei vererbte politische Spaltungen hier behoben und ein auf gemeinsamen demokratischen Werten fußender Dialog entstehen.

 

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