Sohbets – UNESCO Weltkulturerbe aber dennoch fremd

Was bei vielen, die über Hizmet forschen, Interesse oder aber auch Misstrauen entstehen lässt, sind die regelmäßigen Gesprächskreise, in denen wir gemeinsam spirituelle Texte lesen und über sie diskutieren. Zwar gibt es auch hierzulande Intellektuellentreffen oder Lesezirkel, aber das sind meist bürgerliche Salons ohne jeden spirituellen Bezug. Und wenn MuslimeLesezirkel organisieren, ist das leider für viele gleich suspekt.

Religiöse Bildung findet hierzulande vor allem in der Kirche statt. Aber auch bei den christlichen Pietisten gibt es Hauskreise und die sogenannte »Stund«, bei der Gläubige privat zusammenkommen, gemeinsam die Bibel lesen und sich über religiöse Fragen austauschen. Genauso predigt auch bei unseren Treffen keine institutionalisierte Autorität frontal, was zu tun ist. Stattdessen hören wir uns wechselseitig zu und fragen uns gegenseitig nach unserer Meinung und unseren Gedanken. Über alles sprechen wir in Ruhe und mit großem Respekt. Dabei ermutigen wir uns immer wieder, selbst Antworten zu finden und nicht aufzuhören zu fragen. Solche Treffen oder Unterhaltungen heißen Sohbets.

Wie diese Gesprächsrunden verlaufen, hängt im Wesentlichen von denjenigen ab, die solche Sohbets organisieren. Der eine wird vielleicht recht strikt im Vorfeld einen Text festlegen, den alle gelesen haben müssen, und wird dann streng und strukturiert einen Fragenkatalog abarbeiten. Die andere (ja, auch Frauen sind bei Hizmet aktiv!) wird sehr offen in den Gesprächskreis gehen und den Sohbet spontan mit den Anwesenden gestalten, je nachdem welche Themen angesprochen werden. Sohbets können überall stattfinden. In der Regel finden diese inzwischen in den sog. Kulturzentren der Hizmet-Bewegung statt. Also in Vereinen, die gegründet wurden, um uns religiöse Bildung zu vermitteln. Mal trifft man sich aber auch in der Eisdiele oder Zuhause. Oft laden Studenten ihre Freunde in ihre Wohngemeinschaften (sog. Lichthäuser) ein. Manchmal trifft man sich aber auch bei einem Unterstützer im Haus oder bei einem Unternehmer im Betrieb. Reden und austauschen kann man sich nämlich überall.

Sohbets als lebenslanges Lernen

Als gläubige Menschen sind wir wie Christen und Juden überzeugt, dass die Welt von einem Schöpfer erschaffen wurde und dass der Mensch das am meisten geehrte Geschöpf in dieser Schöpfung ist. Doch das in jedem Menschen schlummernde gute Potenzial muss erst entwickelt und geschult werden. Dafür gibt es keinen festen Lehrplan, sondern das ist ein lebenslanges Lernen, ein weiter Weg der permanenten Verbesserung. Am besten sucht man sich einen spirituellen Lehrer, der schon mehr religiöse Erfahrung hat als man selbst. Mit diesem setzt man sich als Lehrmeister zusammen und versucht, von ihm zu lernen.

Diese Art des gemeinsamen religiösen Lernens stammt aus der prophetischen Tradition. Man versammelte sich um den Propheten Mohammed (sav) und tauschte sich über Gott und die Welt aus. Dahinter stecken die Idee und die Lehre, dass man sich tiefes Wissen am besten mithilfe eines physisch erreichbaren Lehrers aneignen kann, mit dem man möglichst viel Zeit verbringt. Denn neben allem, was sich in Worten sagen und verstehen lässt, findet zwischen Menschen immer auch eine wortlose Verständigung statt. Menschen sind einander Vorbild. Eltern erleben das, wenn ihre Kinder plötzlich ein Verhalten an den Tag legen, das nicht dem entspricht, was sie ihnen immer sagen – wohl aber dem, was sie tun. Das Verhalten der Eltern färbt stärker ab als alle erzieherisch durchdachten Worte. Erst wenn jemand sein Wissen im Alltag richtig anwendet, ist die Bedeutung des Wissens nachzuvollziehen. Radfahren, Jonglieren oder Debattieren lernt man nicht, indem man ein Buch darüber liest, sondern indem man es anderen nachtut und übt. Das gleiche gilt für Hizmet, also gesellschaftliches Engagement.

Sohbet – Eine UNESCO-Weltkulturerbe

Sohbets stehen sogar auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes. Seit 2008 gibt es dort neben den Gebäuden und Denkmälern eine Rubrik für immaterielle Kulturgüter, für schützenswerte kulturelle Praktiken also. In Deutschland stehen die Genossenschaftsidee, die Walz und die Brotkultur auf der Liste. Sohbets gelten seit 2010 als türkisches Weltkulturerbe, ebenso wie die Semah-Tänze der Aleviten, das Newroz-Fest der Kurden oder die türkische Kaffeekultur. Hierzulande mögen die Sohbets also dem einen oder anderen fremd sein, aber sie sind ein schützenswertes Kulturerbe.

Menschen in Hizmet sind gebildete, intellektuelle, kritisch denkende Muslime. Sie engagieren sich in ganz unterschiedlichen Bereichen, suchen den Dialog mit Andersdenkenden und engagieren sich für Bildung, setzen sich kritisch mit dem eigenen Glauben auseinander und interpretieren den Koran zeitgemäß. Sie sind Pazifisten und praktizierende Altruisten. Sie helfen und spenden gerne. Das und vieles mehr lernen sie vor allem in den Sohbets.

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