Seinem Aussehen nach zu urteilen, war er Salafist. Er beschwerte sich im Krankenhaus darüber, dass es zur Behandlung seiner Frau nur einen männlichen Arzt gab. Sprachlich konnte er sein Problem nicht richtig kommunizieren. Er kam auf mich zu und bat mich zu übersetzen. Kein Problem. Ich habe ihm geholfen und das Problem gelöst. Eine Kollegin würde in einer Stunde den Dienst antreten.
Wir sind anschließend ins Gespräch gekommen. Er erzählte mir, dass es die meisten muslimischen Frauen gar nicht mehr interessiere, ob sie von einem Mann oder einer Frau untersucht würden. Das sei Sünde. Wir haben über viele unterschiedliche Themen diskutiert. Am Ende auch über Schulbildung. Ein guter Muslim dürfe seine Tochter eigentlich gar nicht in die Schule schicken, sagte er. Ich erwiderte ihm, dass er dann bald keine Frau mehr finden könne, die seine Frau behandeln kann. Er war sprachlos.
Nahezu keine andere Region der Welt ist historisch mit dem Christentum so eng verbunden wie der Süd-Osten der Türkei. Noahs Arche ist hier gelandet. Abraham erhielt in Harran den Ruf Gottes, „weiterzuziehen in das Land, das ich dir zeigen werde“ (Gen 12,1). In Antakya wurden die Jünger Jesu zum ersten Mal als Christen bezeichnet und auch Paulus hielt sich zum größten Teil in dieser Region auf. Heute leben in der Türkei von einst vier Millionen nur noch etwas mehr als 100.000 Christen.
Es waren allerdings nicht die Seldschuken oder die Osmanen, die die Christen aus dieser Region verdrängten, sondern es war in erster Linie die Politik der modernen türkischen Republik. Das sogenannte Millet System des Osmanischen Reiches sowie das Dhimmitum garantierte den Christen und Juden schon zu dieser Zeit Rechte und Freiheiten, von denen Andersgläubige in Europa nicht einmal zu träumen wagten. Nach dem Untergang des osmanischen Reiches entstand ein moderner Nationalstaat, der versuchte, seine Identität aus einer Deckungsgleichheit von Religion und Nation herauszubilden. Die christlichen Minderheiten wurden daher lange als Fremdkörper gesehen.