Der Auftritt des „Chors der Zivilisationen“ aus Antakya war für das Forum für interkulturellen Dialog e.V. (FID) Berlin einer der Höhepunkte des Jahres. Ercan Karakoyun rief bei dieser Gelegenheit zur Überwindung von Grenzen auf. (Foto: aa)
Unter dem Motto „Ein Chor, drei Religionen und sechs Konfessionen“ fand am Donnerstag unter der Schirmherrschaft des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Klaus Wowereit, das viel beachtete Konzert des „Chors der Zivilisationen“ statt.
Die zahlreichen Gäste, unter ihnen auch der Botschafter der Türkei, Hüseyin Avni Karslioğlu, wurden durch den Vorsitzenden des Vorstands des Forums für interkulturellen Dialog e.V., Ercan Karakoyun, begrüßt, der die Gelegenheit nutzte, zur Einstimmung auf das – dem interreligiösen Dialog gewidmete – Konzert ein paar grundlegende Fragen aufzuwerfen.
Karakoyun wies darauf hin, dass dieses Jahrhundert darüber entscheiden würde, ob es zu einem Zusammenprall oder zu einem Dialog der Zivilisationen kommen werde. Er stelle sich die Frage, welche Rolle die Religionen dabei spielen werden. Würden sie in der Lage sein, ihr Friedenspotenzial zu nutzen, um den Clash of Civilisations, wie ihn Huntington nannte, zu verhindern? Oder würde es eher so sein, dass sie für ihn verantwortlich sein werden?
Der Berliner FID-Vorstandsvorsitzende bemerkte, dass Menschen immer noch im Namen Gottes Kriege führen würden. Im Namen Gottes würden sie auch Andersdenkende unterdrücken und diskriminieren. Daran habe sich bislang leider auch in diesem Jahrhundert nichts verändert.
Religion darf nicht für politische Zwecke missbraucht werden
Die Welt, auf der wir leben, brauche aber nichts mehr als Frieden, betonte Karakoyun. Die Geschichte lehre uns, dass mit Krieg, Terror und Gewalt keine Probleme gelöst werden könnten. Im besten Fall würden die Probleme auf kostspielige Weise eher hinausgezögert, oft machten sie die Lösung des Problems sogar für immer unmöglich.
Karakoyun warnte jedoch davor, die Religionen für die Kriege und Konflikte in der Welt verantwortlich zu machen. Wer genauer hinschaue, würde sehen, dass es die Angehörigen der Religionen seien, die den Namen Gottes für ihre eigenen, oft politischen Ziele, missbrauchten. Ohne Zweifel seien jedoch alle Religionen für den Frieden. Ihre Angehörigen verhinderten aber aus eigener Unzulänglichkeit und durch interne Streitereien, ihr Friedenspotenzial für den Weltfrieden einzusetzen.
Ercan Karakoyun sieht nur einen radikalen Weg der Flucht nach vorne aus diesem Dilemma – und das wäre jener der Intensivierung des Dialogs zwischen den Religiösen, aber auch zwischen Gläubigen und Ungläubigen, zwischen Polytheisten und Monotheisten, kurz zwischen allen Teilen, aus denen sich unsere Gesellschaft zusammensetze.
Karakoyun betonte in diesem Zusammenhang auch die besondere Wichtigkeit der Aufrechterhaltung des gegenseitigen Respekts zwischen allen Menschen. Dieser sei sowohl das Ziel des Dialogs als auch gleichzeitig dessen wichtigste Voraussetzung. Diesen Respekt zu entwickeln und zu pflegen sei jedoch nur dann möglich, wenn die Menschen unterschiedlicher Hintergründe einander kennenlernten und versuchten, einander zu verstehen.
Lösungen gelingen nur über die Grenzen hinweg
„Doch wie kann man erreichen, dass unterschiedliche Menschen einander nicht als Rivalen sehen, sondern als Partner im Einsatz für den Weltfrieden?“, fragt der Vorsitzende des Berliner FID. „Das ist sicherlich keine einfache Aufgabe. Ein wichtiger Schritt wäre es, auf eine stärkere Erziehung zu Toleranz, Friedlichkeit und Liebe zu setzen. Hier sind alle in der Gesellschaft gefordert. Nur wenn wir diese Verantwortung übernehmen, kann es zu einem friedlichen Miteinander in Berlin, in Deutschland und auch in der Welt kommen.“
Wichtig sei außerdem, dass alle Menschen, egal ob und woran sie glauben, bei der Lösung gemeinsamer Probleme zusammenarbeiteten. Umweltprobleme, Drogenkonsum, Kriminalität, Terror, Hunger, Armut, Unterdrückung religiöser Minderheiten, Diskriminierung, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, all dies seien unsere gemeinsamen Probleme und nur gemeinsam könnte man sie lösen.
Das Mittel dazu sei der Dialog, den man miteinander führe. Das Konzert des „Chors der Zivilisationen“ solle in diesem Sinne für Juden, Christen und Muslime in Berlin ein Zeichen setzen.
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