Gelebter Dialog der Religionen

logo_wj2013In Berlin-Mitte entsteht ein gemeinsames Religionshaus für Juden, Christen und Muslime. Im Interview spricht Mitgründer Ercan Karakoyun darüber, warum der interreligiöse Dialog so wichtig ist und wie die Religionen voneinander lernen können.

Wie ist die Idee zu einem interreligiösen Bet- und Lehrhaus in Berlin entstanden?
Die Idee ist in der Evangelischen Kirchengemeinde St. Petri – St. Marien entstanden. Auf dem Petriplatz stand einmal die historische Petrikirche, die im 2. Weltkrieg beschädigt und dann in den 1960er Jahren komplett abgerissen wurde. Im Zuge der Neugestaltung des Platzes wurden archäologische Grabungen durchgeführt. Dabei hat man festgestellt, dass es einer der ältesten Orte der Stadt ist. So kam man auf die Idee, den Platz wiederzubeleben und etwas Neues entstehen zu lassen. Die Stadt hat sich mittlerweile sehr verändert – es gibt hier wieder jüdisches Leben, es gibt muslimische Migranten – das führte zu dem Gedanken,ein Haus zu bauen, in dem alle drei monotheistischen Religionen zusammen kommen können.

Welches Ziel verfolgen sie mit dem Religionshaus?
Es geht darum, im Herzen der Hauptstadt für eine gute Nachbarschaft von Judentum, Islam und Christentum zu sorgen. Zudem soll ein Zeichen für Berlin und für ganz Deutschland gesetzt werden.

Wie funktioniert das Zusammenarbeiten der verschiedenen Religionen in der Praxis?
Es muss ein gleichwertiges Nebeneinander der Religionen geben. Moschee, Synagoge und Kirche liegen auf einer Ebene und öffnen sich hin zu einem gemeinsamen „Runden Raum“, in dem alle zusammen kommen können.

Soll auch gemeinsam gebetet werden? Sind sonstige gemeinsame Veranstaltungen geplant?
Wir warten nicht bis das Gebäude steht, es gibt schon jetzt gemeinsame Veranstaltungen. Nach dem Anschlag auf einen Rabbiner in Berlin letztes Jahr haben wir ein großes Konzert im „Haus der Kulturen der Welt“ organsiert. Dort sang der „Chor der Zivilisationen“, bestehend aus Sängern aus drei Religionen. Derartige Projekte werden wir natürlich fortführen und nach Möglichkeiten suchen, gemeinsame Aktionen durchzuführen: Diskussionsabende, Konferenzen, Seminare, gemeinsame Gebete.

Wo begegnen sich die Religionen in Ihrem Haus im Alltag?
In dem gemeinsamen „Runden Raum“ sollen die Religionen zusammenfinden. Wir setzen im Gebäude auf Transparenz, es gibt keine verschlossenen Türen. Es ist durchaus beabsichtigt, dass Muslime einmal an einem jüdischen Gottesdienst oder die Juden an einem muslimischen Freitagsgebet zusehen. Wir haben jedoch nicht die Absicht, Religionen zu verschmelzen. Jede hat ihre eigenen Gebete. Es gibt aber Gebete für Frieden, Liebe, gute Nachbarschaft sowie gegen Gewalt und Terror – die sind in allen Religionen gleich.

Was können die Religionen voneinander lernen?
Wir leben in einer Welt, die immer kleiner wird: Immer mehr Menschen unterschiedlichster Konfessionszugehörigkeit treffen aufeinander. Dieses Miteinander muss aktiv gestaltet werden, da sonst Vorurteile entstehen und es zu einer Kluft zwischen den Religionen kommt. Um dies zu verhindern, brauchen wir den interreligiösen Dialog. Wir brauchen Foren, in denen Menschen zusammen kommen, sich gegenseitig kennenlernen, Vorurteile abbauen und so einen Beitrag für den Zusammenhalt leisten.

Durch den demografischen Wandel wird Deutschland immer vielfältiger. Welche Chancen entstehen dadurch?
Ich glaube, dass eine bunte Gesellschaft immer ein Gewinn ist. Je vielfältiger eine Gesellschaft ist, desto vielfältiger sind auch die Gedanken, die Lebensweisen, die Ideen einer Gesellschaft. Ich glaube, dass dies dazu führen wird, dass Deutschland noch internationaler und sich weiter der Welt öffnen wird.

Drei Weltreligionen unter einem Dach – könnte das vielleicht ein Modell für ganz Deutschland sein?
Ich glaube, dieses Projekt wird über die Stadt hinaus strahlen und auch deutschlandweit viele dazu ermutigen, solche Bet- und Lehrhäuser zu eröffnen.

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